Liberale für BDP

EIGENWILLIG UND EIGENSINNIG - KURZUM: DIE LADY HAT CHARAKTER!

 

WÜRDIGUNG VON URSULA HALLER, MUTTER COURAGE DER BDP, AUS ANLASS IHRES RÜCKTRITTS AUS DEM NATIONALRAT

 

VON ANDREAS K. WINTERBERGER  

 

Die nachfolgende Würdigung von Ursula Haller aus Anlass ihres Rücktritts aus dem Nationalrat ist persönlich geprägt. Die weitaus gehaltvollste und schönste, ja sensibelste Rückschau auf das politische Engagement und die Persönlichkeit Ursula Hallers hat meines Erachtens alt Bundesrat Samuel Schmid (Rüti bei Büren) am Mittwoch, 22. Oktober 2014 im Rahmen der Parteiversammlung der Bürgerlich-Demokratischen Partei (BDP) des Kantons Bern in Thun aufgrund von einigen Notizen gehalten.

 

"Ich werde bei den Nationalratswahlen vom 23. Oktober 2011 die Liste der BDP des Kantons Zürich einlegen! Mich haben die Unerschrockenheit und der Leistungsausweis von Nationalrätin Ursula Haller und von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf enorm beeindruckt!" Dies erklärte mir vor gut drei Jahren mit der ihr eigenen Resolutheit die damals gut 90jährige Berty Bickel aus Erlenbach ZH (1).

Aufschlussreich ist, dass Berty Bickel und ihr allzu früh verstorbener Mann, die Freunde meiner Eltern waren, als Zeichen der Wertschätzung des liberalen Nonkonformisten und sozialen (Migros-)Unternehmers Gottlieb Duttweiler sowie des langjährigen Parteipräsidenten und herausragenden Zürcher Nationalrats Walter Biel  (Watt) den Landesring der Unabhängigen (LdU) wählten, einer Mitte-Partei notabene, die während beachtlichen 63 Jahren existierte. Biels Nachfolger als LdU-Präsident, Franz Jäger, der heute als emeritierter Wirtschaftsprofessor (St. Gallen) ganz anders politisch und wirtschaftlich gelagerte "Hüte" trägt, öffnete seinerzeit seine Partei ökologischen Fragen, verband diese Wende aber in verhängnisvoller Weise mit tendenziell linksetatistischen statt ökomarktwirtschaftlichen Zielsetzungen im Sinne von Rot-Grün, was der eindeutig bürgerlich geprägten Partei nicht gut bekam. Jägers Nachfolgerin als LdU-Präsidentin, Monika Weber, damalige Zürcher Ständerätin und spätere Stadtzürcher Stadträtin (Exekutive), war nicht mit dem hierzu erforderlichen analytischen und organisatorischen Talent, gepaart mit Mut, gesegnet, um eine dringend notwendige erneute Wende in eine bürgerlich-grünliberale Richtung vorzunehmen, sodass diese Mittepartei nach massiven Wählereinbussen einen brüsken, unverdient verfrühten politischen Tod erlitt.

Der Zürcher Freisinn war dem Ehepaar Bickel stets allzu herrenreiterisch, die BGB/SVP allzu konservativ und die Sozialdemokratie allzu staatsgläubig.

 

Ursula Haller und Eveline Widmer-Schlumpf als BDP-Wahllokomotiven

 

Nach der Spaltung der SVP dürfte Ursula Haller neben Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf nicht bloss im Kanton Bern 2011 - wie das Beispiel Berty Bickel eindrücklich aufzeigt - die weitaus stärkste Wahllokomotive der neu gegründeten BDP gewesen sein. Kein Wunder, dass unsere Partei heute mehrheitlich von Frauen gewählt wird. Dem weiblichen Elektorat muss allerdings auch in Zukunft Sorge getragen werden. Personell wie programmatisch ist diesbezüglich die Berner BDP-Kantonalpartei sowie die BDP-Grossratsfraktion exzellent aufgestellt. Anders sieht es bezüglich der rein männlich geprägten Berner BDP-Nationalratsdeputation aus, wobei diesem Umstand die Berner Wählerinnen und Wähler bei den Eidgenössischen Wahlen am 18. Oktober 2015 durchaus abhelfen können, indem sie erstens für klare BDP-Wählerzuwächse (statt verluste!) gegenüber 2011 sorgen und zweitens indem sie bisherige BDP-Nationalräte wegwählen werden, die 2007 bzw. 2011 erstmals ins Bundeshaus entsandt wurden.

 

Acht Jahre in der Warteschlaufe als Frau und Nichtbäuerin

 

In ihrer Abschiedsrede vor den Mitgliedern der BDP in der Heimatstadt meines Vaters (2) betonte Haller mit Nachdruck, aber frei von Bitterkeit, während insgesamt acht langen Jahren hätte sie im ständigen Wartestand auf dem ersten SVP-Nationalratslistenersatzplatz figuriert, ohne jegliche Chance, "nachzurutschen" , zumal sie eine Frau und zu allem Übel auch noch keine Bäuerin gewesen sei. Dies erinnert mich lebhaft an eine wiederholt in den 1980erjahren gemachte Aussage meiner aus bernischem BGB-Elternhaus stammenden Mutter: "Ir Bärner BGB/SVP hetts zviu Plascht!" Haller äusserte dies wohlverstanden ohne jeglichen Hintergedanken gegenüber ihrem Nachfolger im Nationalrat, dem Meisterlandwirt Heinz Siegenthaler aus Rüti bei Büren, seit seiner Zeit als SVP-Fraktionschef im bernischen Grossen Rat bis heute als BDP-Kantonalpräsident ein ausgesprochen erfolgreicher Frauenförderer und fürwahr alles andere als ein "Plascht"... Die Thunerin erklärte im Gegenteil ausdrücklich, sie freue sich, dass Siegenthaler ihr in der Grossen Kammer in Bern sowie der talentierte Jungspund Jan Gnägi Siegenthaler im Grossen Rat nachfolgen werde (3).  

 

"Diese Frau ist nicht steuerbar!"

 

Ursula Haller war ohne Zweifel eine gute Parlamentarierin und wirkt nach wie vor bis Ende Jahr erfolgreich als Gemeinderätin in der Thuner Exekutive. Ihre ausserordentliche Popularität und Wertschätzung in breitesten Bevölkerungskreisen, bei Männern und Frauen gleichermassen, verdankt sie allerdings letztlich ihrem eigenwilligen und eigensinnigen starken Charakter, ihrer Unerschrockenheit, für ihre Überzeugung unbeugsam innerhalb ihrer seit 1992 zunehmend zu einer rechtspopulistischen "Bewegung" verkommenden Partei, die einst auf einem auf staatspolitischer (Mit-)Verantwortung gründenden sicheren liberal-konservativen bis konservativ-liberalen Fundament stand, einzustehen. Dies ungeachtet aller illiberalen Einschüchterungsversuche des Herrliberger "Führers" und von dessen subalternen Helfershelfern. Der Blocher-Flügel, der zuerst die zürcherische, dann die schweizerische und zuletzt die bernische SVP in einer Art schleichendem "UNFRIENDLY TAKEOVER" (unfreundliche Übernahme) mit viel Blocher-Geld ( "FOLLOW THE MONEY!" ) dank aktiver Mithilfe gedankenloser Mitläufer und einiger käuflicher "Quislinge" überrollte, versuchte erfolglos während Jahren, zuletzt mit immer widerwärtigeren, auf persönlicher Demütigung hinauslaufenden Disziplinierungsversuchen, die Berner und Bündner Dissidenten, zuvorderst Ursula Haller, mundtot zu machen und unter das Joch des- verfassungswidrigen! - Fraktionszwangs zu bringen. "Diese Frau ist nicht steuerbar!", stöhnte einst ein führender Blocherianer in der SVP-Bundeshausfraktion nach etwelchen erfolglos verlaufenen Pressionsversuchen. Dabei ging es Ursula Haller um ihre Selbstachtung, um ihre Integrität als Frau und Mensch, um ihre persönliche und politische Glaubwürdigkeit, um ihre politische Überzeugung, um ihre fest verankerten ethisch-moralischen Werte -  ihr couragiertes Handeln war und ist gleichermassen von einer heute nur noch selten vorzufindenden strikten persönlichen Loyalität gegenüber den SVP- bzw. BDP-Bundesräten Samuel Schmid und Eveline Widmer-Schlumpf geprägt.

 

Die Überlebensfähigkeit einer "Gesellschaft freier Menschen" (Friedrich August von Hayek)

 

Eine "Gesellschaft freier Menschen" (Friedrich A. von Hayek) ist nur überlebensfähig, wenn deren Bürgerinnen und Bürger -  oder vielmehr eine ausreichend grosse Minder- oder Mehrheit von ihnen! - unerschütterlich für diese pluralistische Gesellschaft und deren liberalen Werte eintreten sowie staatspolitische Verantwortung übernehmen. In Extremsituationen, insbesondere 2007/2008, wo diese Erfordernis durchaus gegeben war, müssen freie Bürgerinnen und freie Bürger bereit sein, selbst allfällige persönliche, berufliche und politische Nachteile in Kauf zu nehmen und Verantwortung zu übernehmen. Samuel Schmid, Eveline Widmer-Schlumpf, Ursula Haller, Heinz Siegenthaler und diverse andere Individuen taten dies. Die grossgewachsene schlanke Lady mit dem fein geschnittenen und sensiblen Gesicht verfügt(e) stets über ein feines Gschpüri für Recht und Unrecht, das auch ihr politisches Handeln leitet(e). Sie tat dies gar während langer Jahre an vorderster Front mit äusserster zäher Ausdauer. An der Gründungsfeier der BDP des Kantons Bern in Münsingen am 21. Juni 2008 wirkte sie endlich wieder - wie heute - entspannt und glücklich, als wäre von ihr eine zentnerschwere Last genommen worden.

 

Für mich hat sich Ursula Haller im Verlaufe einer langen und eindrücklichen politischen Karriere nicht bloss respektabel und hochanständig, sondern gar vorbildlich verhalten. Nicht bloss ich, nicht nur unsere Partei, sondern insbesondere alle freien Bürgerinnen und freien Bürger unseres Landes ungeachtet ihres jeweiligen politischen Credos sind ihr zu Dank verpflichtet.

 

Es ist schön, dass die Porträtierte gemeinsam mit ihrem Mann Reto Vannini bald ihrer Leidenschaft zum Reisen nachgehen kann. Doch wichtig erscheint mir, dass Ursula Haller auch künftig die bernische sowie die schweizerische Politik, aber auch Entwicklungen in der eigenen  - schweizerischen wie bernischen! - Partei mit Adlerblick verfolgen und sich je nach Erfordernis leise oder lautstark zu Wort melden wird. Bleib' "schampar unbequem" (Helmut Hubacher), liebe Ursula! Kritischer wie konstruktiver Geist ist auch künftig in der BDP dringend gefragt und steht notabene nicht im Massenangebot, nirgendwo, in keiner Partei, in keinem Land.

 

ANMERKUNGEN:

1)Die frühere Damenschneiderin Berty Bickel hatte einst für meine am 30. März 2010 verstorbene Mutter Helen Winterberger-Krähenbühl, Tochter des aus dem Emmental stammenden Bauernsohns Fritz Krähenbühl, der während Jahrzehnten als Käsermeister und zeitweise als BGB-Gemeinderat in Thörigen im Oberaargau gewirkt hatte, sowie der geb. Marie Ritter (Burgdorf), für festliche Gelegenheiten Kleider nach Mass gefertigt.  Berty Bickel ist meines Erachtens in gesellschaftlichen und politischen Fragen viel aufgeschlossener und vifer als wohl viele der heute 40jährigen Frauen, darunter etwelche Akademikerinnen. Und kaum von Vorurteilen angekränkelt, ein weiterer Grund, weshalb ich sie enorm schätze. Ähnliches könnte von Ursula Haller gesagt werden. Zwischen beiden starken Persönlichkeiten dürfte eine Generationen-, nicht aber eine Mentalitätslücke liegen.

 

2)Dr. Gerhard Winterberger (1. Mai 1922 17. Oktober 1993), seinerzeit Geschäftsführendes Präsidialmitglied des Vororts des Schweizerischen Handels- und Industrievereins (heute economiesuisse), wuchs in Thun auf. Sein Vater, Andreas Winterberger, aus Schattenhalb bei Meiringen aus einer kinderreichen Bergbauernfamilie stammend, stieg als diplomierter Primarlehrer zum langjährigen Vorsteher (Rektor) der Gewerbeschule Thun auf. Politisch gehörte Andreas Winterberger in jungen Jahren den sozialreformerischen, teils liberalen, teils sozialdemokratischen Grütlianern an. Später stand er als Parteiloser dem Angestelltenflügel des Thuner Freisinns nahe. Die Behauptung, unsere Familie sei  (Siehe Anmerkung 1) "tiefblau freisinnig" (Edgar Schuler in einem über Ursula Gut erschienenen "TagesAnzeiger" -Artikel), ist nicht zutreffend. Mein Vater Gerhard Winterberger tendierte ideell anfänglich eher - wie viele prominente "klassische" Neoliberale wie Friedrich August von Hayek, Wilhelm Röpke, Ludwig von Mises etc. vor ihm! -   zur Sozialdemokratie, was sich rasch mit der Aufnahme des Ökonomiestudiums an der Universität Bern (Dr. rer.pol.) in Richtung Liberalismus änderte. Gemeinsam traten die Thuner Jungfreisinnigen um Gerhard Winterberger, dem späteren Bauunternehmer Hans Frutiger sowie dem späteren gewichtigen Repräsentanten des FDP-Angestelltenflügels, dem langjährigen Berner FDP-Nationalrats Urs Kunz (1975-1983), entschlossen für die Einführung des Frauenstimmrechts sowie gegen das "rote Thun" ein. Das einstige jungfreisinnige Trio war zeitlebens freundschaftlich untereinander eng verbunden. Der damalige Thuner Freisinn war im Unterschied zum heutigen mit grossen politischen Talenten gesegnet und die weitaus stärkste bürgerliche Thuner Kraft... Der politische Kampf zwischen SP und FP wurde damals um Platz eins geführt... Tempi passati!

Gerhard Winterberger unterhielt ungeachtet seiner freisinnigen Parteimitgliedschaft engste politische wie freundschaftliche Kontakte zu führenden seinerzeitigen BGB- bzw. SVP-Politikern wie Nationalrat und Parteipräsident Fritz Hofmann (Burgdorf), Nationalrat Rudolf Reichling (Stäfa), den Bundesräten Friedrich Traugott Wahlen und Leon Schlumpf oder zu führenden Katholisch-Konservativen bzw. CVPlern wie Ständerat Franz Muheim (UR), den Bundesräten Philipp Etter, Ludwig von Moos sowie Hans Hürlimann. - Die Parteilosigkeit meiner Mutter war ein durchaus bewusster Entscheid, da sie sich vermutlich in der Ortspartei Erlenbach ZH genauso wenig wohl gefühlt hätte wie ich später nach meinem Parteibeitritt, was sie sich bedeutend früher als ich durchaus bewusst war. Sie wählte stets freisinnig bis zu ihrem Tod am 30. März 2010. Gewiss hätte sie sich in der bernischen BDP genauso gut aufgehoben gefühlt wie ihr Bruder und ihre Schwägerin.

Ich engagierte mich seinerzeit stark bei den Jungliberalen, avancierte aber nach meinem Beitritt zur FDP Erlenbach rasch zur Karteileiche. Meine seinerzeitige Mitgliedschaft im nicht länger existierenden Freisinnigen Presseverband war mir demgegenüber wichtig. Ich unterhielt über Jahre hinweg einen regelmässigen Gesprächsaustausch mit dem seinerzeitigen FDP-Präsidenten Franz Steinegger, stiess mit meiner Idee von wechselnden sachpolitischen Koalitionen im Wendejahr 1989/90 bei ihm rasch auf fruchtbaren Boden. 1997 trat ich wegen zunehmend illiberalen intoleranten Tendenzen im Zürcher Freisinn gegenüber dissident-liberalen Ideen aus der FDP aus und figurierte am 21. Juni 2008 unter den Gründungsmitgliedern der bernischen BDP in Münsingen. Einzig Ursula Gut, bis Frühjahr 2015 noch Finanzdirektorin des Kantons Zürich, gehört weiterhin einem m.E. mittlerweile ziemlich heruntergekommenen Zürcher und Schweizer Freisinn an

  

3)Ursula Haller und Heinz Siegenthaler gehörten neben Urs Gasche, Werner Luginbühl und Hans Grunder zu den fünf Mitbegründern der Gruppe Bubenberg, aus der die Bürgerlich-Demokratische Partei des Kantons Bern entstand. Dabei war  insbesondere Siegenthaler von entscheidender Bedeutung, mit dem volksnahen, charismatischen und dezisionistischen (kein Zauderer!) Talent eines ausgeprägten Leaders gesegnet,  dass die BDP des Kantons Bern überhaupt erst entstehen konnte, da deren Gründungsprozess zeitweise stark stotterte. Ich beabsichtige, in den nächsten Wochen meine Recherchearbeiten insbesondere über den Gründungsprozess der Bürgerlich-Demokratischen Partei der Schweiz fortzusetzen, um zur Geschichte der Partei einen längeren Essay zu schreiben, der auf www.liberalefuerbdp.ch  /  www.liberalefürbdp.ch aufrufbar sein wird.

 

Copyright 2014 Andreas K. Winterberger



© 2014 by Andreas K. Winterberger