Liberale für BDP

Zitate F.T.Wahlen

ZITATE VON FRIEDRICH TRAUGOTT WAHLEN (*)

"Ich halte dafür, dass es richtig ist, gedanklich nicht von grossartigen Konstruktionen, sondern von der Sorge um das Wohl des Einzelnen auszugehen."

"Der wirtschaftliche Ausgleich darf nicht das Endziel unserer Bemühungen darstellen, sondern wir streben ihn an als Mittel zum Zweck, als notwendige Grundlage, auf der das kulturelle und ethische Leben unseres Volkes einer neuen Blüte entgegengeführt werden muss. Wir dürfen doch sicher das schöne Wort 'Gerechtigkeit erhöhet ein Volk' so deuten, dass das Streben nach wirtschaftlicher Gerechtigkeit der Vorläufer zur Entfaltung der höheren Werte sein soll."

"Urbanität und Ruralität sind zwei grundverschiedene Lebensformen, aus deren Polarität immer neue Wechselwirkungen entstehen. Die Stadt ist das Segel, immer bereit, sich in neuen Winden zu blähen, und das Schiffchen der Nation in rascher Fahrt bald hierher, bald dorthin zu führen. Ihr Zeichen ist die Beweglichkeit, erwünscht in Handel und Wandel, neue Wege zeigend in Industrie, Technik und Wissenschaft, aber gefährlich oft in Politik und Kultur. Das Land ist der sichernde Anker, manchmal als unbequem empfunden, aber in Sturmzeiten ebenso notwendig. Je grösser die Stadt, um so mehr läuft der Einzelne Gefahr, als Bürger verlorenzugehen, lediglich als Bestandteil der Masse bei politischen Entscheidungen in Erscheinung zu treten. Der Bauer denkt direkter, ichbezogener, wägt alle Entscheidungen in ihrer Auswirkung auf den eigenen, engbegrenzten Lebenskreis ab. Seine politische Schwäche ist die Kirchturmspolitik; aber seine für das Land so bedeutungsvolle Stärke wurzelt im gleichen Grund. Er ist, weil dem engen Raum der Heimat mehr verhaftet als dem für ihn abstrakten Begriff des Ganzen, der eigentliche Schöpfer und Erhalter unseres föderalistischen Staatsaufbaus."

"Auf dem Lande lebt ein Geschlecht, das unbehindert durch Asphalt seine Wurzeln tief in den Heimatboden senkt, das durch seine tägliche Arbeit den Weg zum Übersinnlichen leichter findet, und das aus diesen beiden Kraftquellen heraus befähigt ist, in stürmischen Zeiten dem Volke Sicherheit und Halt zu geben."

"Wenn es nicht guteidgenössische Tradition wäre, den Standpunkt der Minderheiten mit besonderer Liebe und Umsicht zu verfechten und ihm von seiten der 'Mehrheit' Gehör einzuräumen, so gäbe es überhaupt keine Eidgenossenschaft."

"Die Schweiz liegt sozusagen im geographischen Brennpunkt der beiden Weltmächte, denen durch den Ausgang des Krieges die Bestimmung über das Schicksal der Welt zufiel. Unsere Parteinahme im Kampf, der zwischen ihnen entbrannt ist, geht nicht für oder wider die eine der beiden Mächte; aber sie geht mit aller Leidenschaftlichkeit, deren wir fähig sind, für den Schutz und die Erhaltung abendländischen Geistesgutes. Wir kämpfen gegen Unterdrückung und Intoleranz, die überall, selbst im eigenen Lande, ihr Haupt erheben (..) Wir dürfen uns nicht durch eine rücksichtslose Jagd nach materiellem Wohlergehen von der Bereitschaft abbringen lassen, für Freiheit und Menschenwürde, für alles, was uns unsere Heimat lieb und teuer gemacht hat, Opfer zu bringen."

"Im Auf und Ab der Europa- und Weltpolitik ist es sicher ein Positivum, um ein Land oder um Länder zu wissen, die keinerlei Gebietsansprüche stellen, die nie und unter keinen Umständen einen Angriffskrieg führen werden, sondern ihre Landesverteidigung ausschliesslich im Hinblick auf die Abwehr von Angriffen organisieren, und die immer willens sind, ihr Territorium und ihre guten Dienste zu Sondierungen und ersten Friedensbemühungen zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus hat jeder Konflikt, namentlich solche unter unsern Nachbarländern, den humanitären Gehalt der Neutralität in Erscheinung treten lassen. Wir sind mit Recht betreten darüber, dass wir die Möglichkeiten, die sich uns von dieser Seite boten, nicht immer voll ausgeschöpft haben, so etwa in der Flüchtlingsfrage während des Zweiten Weltkriegs, und das muss uns tiefere Verpflichtung für die Zukunft bedeuten. Wir dürfen aber doch festhalten, dass unendlich viel Leid gemildert werden konnte, und dürfen dankbar sein, durch das Mittel der Neutralität dem Internationalen Roten Kreuz einen Standort bieten zu können, von dem es seine segensreiche Tätigkeit ungehindert von kriegsbedingten Störungen und von Verdacht über die ganze Welt ausüben kann."

"Der Staat bemüht sich immer mehr um unsere Wohlfahrt, und wir kümmern uns immer weniger um den Staat."

"Kultur setzt Musse voraus, Musse zum Träumen, zum Denken, zum denkend Lesen, zum Kunstgenuss, Musse zur Neugierde über die Rätsel des Lebens."

"Die Demokratie hört aber auf zu funktionieren, wenn der Bürger nur mehr Nutzniesser und nicht mehr ihr verantwortlicher Träger ist, und das gilt besonders, wenn das von seiten der Jungen geschieht."

"Unsere Staatsform der direkten Demokratie hat als unentbehrliche Voraussetzung ihres Funktionierens ein Vertrauensverhältnis zwischen Exekutive, Legislative und Volk, das auch Meinungsverschiedenheiten zu ertragen und, zu bereinigen vermag."

"In Opposition stehen heisst nicht, sich in den Schmollwinkel zurückziehen, heisst nicht, den Gegner zum vornherein als dumm, verbohrt oder von schlechtem Willen beseelt abzutun, sondern Opposition heisst, sich die Mühe nehmen, den Dingen auf den Grund zu gehen, heisst, den Glauben haben, dass
sie verbessert werden können. Opposition heisst Diskussion."

"Es ist ein grosser Irrtum und ein sicheres Indiz für das Bestehen von Vermassungserscheinungen, zu glauben, dass die Demokratie ohne persönliche Autorität auskommen kann."

"Wir pochen auf die Verantwortung der Gemeinschaft aller Stufen gegenüber dem Individuum und übersehen die Verantwortung des Einzelnen gegenüber sich selbst, gegenüber dem Nächsten und der Gemeinschaft, und Gott gegenüber."

"Sicher ist es um jene Gesellschaft am besten bestellt, in der die grösste Zahl aller Bürger, und mithin aller Verantwortlicher, in Gott einen letzten Pol der Verantwortung anerkennt, und sich in ihren Entscheidungen durch das Magnetfeld des Gewissens auf ihn als letzte Autorität ausrichtet."

"Viel schewerer ist es, dem weitverbreiteten Eindruck entgegenzutreten, unserer Haltung während des Weltkrieges und seither liege die Schlauheit des Denkens zugrunde, unter allen Umständen ungestört dem Erwerb nachgehen zu können. Je materialistischer wir uns gehaben, um so mehr wird dieser Eindruck bei unseren Besuchern verstärkt. Darum, und auch weil wir trotz unserer staatspolitischen Maxime der Neutralität eine grosse Verantwortung an der Neugestaltung der Welt mitzutragen haben, dürfen wir nicht als die ewig abseits Stehenden erscheinen."


(*) Die Zitate wurden von Andreas Kaspar Winterberger ausgewählt und stammen aus: Friedrich Traugott Wahlen: Dem Gewissen verpflichtet, Fretz & Wasmuth Verlag AG, Zürich/Stuttgart 1966 sowie Friedrich T. Wahlen: Politik und Verantwortung. Reden und Aufsätze, Friedrich Reinhardt Verlag, Basel 1974.

© 2014 by Andreas K. Winterberger