Liberale für BDP

Friedrich T.Wahlen

FRIEDRICH TRAUGOTT WAHLENS ENGAGEMENT FÜR EINE AKTIVE ROLLE DER SCHWEIZ IN DER WELT UND IN EUROPA

VON ANDREAS KASPAR WINTERBERGER

Friedrich Traugott Wahlens (1899-1985) Schriften und Reden sind auch für heutige Zeitgenossen lesenswert. Selbst als Landesvater suchte er das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zu gewinnen, indem er sie argumentativ und sachlich in nüchternem Ton als eigenständige Individuen anspricht. Er tritt entschieden für den Dialog ein und lässt sich von Respekt und Toleranz gegenüber dem Andersdenkenden leiten. "F.T. Wahlen spricht kaum je von sich selber, und doch wird die Lektüre seiner Reden und Vorträge zur intimen Begegnung mit dieser starken, aussergewöhnlichen Persönlichkeit", schreibt Alfred A. Häsler (1) treffend.

Polemik, Provokation und Polarisierung seien Jeremias Gotthelf nicht fremd gewesen, behauptet Christoph Blocher in seiner Wyniger Rede vom "Bärzelitag" 2011, in der er Gotthelf, Wahlen und Albert Anker würdigt: "Gotthelf wusste: Manchmal muss man laut und unanständig sein." Was bereits im Falle von Gotthelfs Interpretation durch den Herrliberger Volkstribun masslos überzeichnet erscheint, ist im Falle von Wahlen vollends unzutreffend. Blochers Aussage wird durch das beeindruckende Exempel des politisch höchst erfolgreich wirkenden Landesvaters Wahlen, der das Ansehen breitester Volkskreise genoss, gründlich widerlegt.

F.T. Wahlen war ein feinfühliger und weltoffener Liberaler, der während Jahren im Ausland lebte und arbeitete und bis zu seiner Wahl in den Bundesrat im Jahre 1958 als Vizegeneraldirektor des UNO-Ernährungsprogramms FAO in Rom wirkte. Nicht erst als schweizerischer Aussenminister trat er für eine aktive Rolle unseres Landes in der Welt und insbesondere in Europa ein. Den europäischen Integrationsbestrebungen stand er positiv gegenüber: "Wir können uns als Kleinstaat, der seine Neutralität aus guten Gründen bewahren will, nicht führend in ein so gewaltiges Unternehmen wie die europäische Integration einschalten. Aber wir dürfen doch, ohne der Überheblichkeit zu verfallen, darauf hinweisen, dass im Entstehen unserer Eidgenossenschaft neben dem Bewahrenden auch immer das Schöpferische zum Durchbruch gekommen ist, und zwar in einer Weise, die für das Werden eines geeinten Europas von wesentlicher Bedeutung ist. Die Schweiz ist durch Jahrhunderte, Schritt für Schritt, oft unter Schmerzen und Enttäuschungen zu dem geworden, was sie heute ist. Es ist ihr gelungen, am Begegnungspunkt verschiedener Sprachen und Kulturen das Ideal der Einheit in der Vielfalt zu verwirklichen, das das Zukunftsbild Europas vorwegnimmt. Denn eines ist sicher: Das geeinte Europa wird, wenn es Bestand haben soll, auf föderalistischer Grundlage aufgebaut werden müssen.- Was die Neutralität der Schweiz betrifft, so dürfen wir festhalten, dass sie nicht nur Stellung abseits bedeutet; unser Land war in seiner Geschichte nicht nur Réduit der eigenen Sicherheit, sondern auch Zufluchtsort bedrohter Menschen und Gedanken und Standort helfender und heilender Menschlichkeit. Es ist meine Überzeugung, dass das zu bauende Europa in der Eigenständigkeit seiner Teile, im Respekt des Andersartigen und in der Wahrung der Freiheit wesensverwandte Züge mit der Schweiz haben muss" (2).

Friedrich Traugott Wahlen befürwortete die Mitgliedschaft der Schweiz im Europarat (über den sich Blocher heute abfällig äussert) sowie in der EFTA und lobte das Wirken der UNO. Doch trug er die damalige Haltung des Gesamtbundesrats, dass eine Mitgliedschaft der Schweiz aufgrund des Neutralitätsvorbehalts nicht unproblematisch sei, mit.

In seiner Erklärung vom 11. Dezember 1958, in der er die Annahme der Wahl zum Bundesrat erklärte, betont er: "Ich fühle mich auch gestärkt durch das Bewusstsein, niemand verpflichtet zu sein als meinem Gewissen, dem Wohl des Schweizervolkes und den Grundsätzen unserer abendländischen Kultur" (3). Wahlen hätte die von Blocher geprägte heutige Doktrin der SVP, wonach deren Vertreter im Bundesrat als brave Parteisoldaten primär die Vorstellungen der eigenen Partei in der praktischen Politik umzusetzen hätten, mit Abscheu quittiert und mit Entschiedenheit bekämpft.

Anmerkungen:

1)Alfred A. Häsler: "Beim Lesen" in Friedrich Traugott Wahlen: Dem Gewissen verpflichtet. Zeugnisse aus den Jahren 1940 bis 1965, Fretz & Wasmuth Verlag AG, Zürich/Stuttgart 1966, S. 7.

2)Friedrich Traugott Wahlen: "Modell Schweiz. Radio- und Fernsehansprache zum Europatag, 5. Mai 1965" in Friedrich Traugott Wahlen: Dem Gewissen verpflichtet, S. 215-216.

3)Friedrich Traugott Wahlen: "Wahl zum Bundesrat. 11. Dezember 1958" in Friedrich Traugott Wahlen: Dem Gewissen verpflichet, S. 113.

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