(Berg-)Bauern

VOM GEISTIGEN HABITUS UNSERER BERGBAUERN

VON DR. GERHARD WINTERBERGER (1962) (*)

In gewissen städtischen und halbstädtischen Kreisen herrscht die Meinung vor, dass es sich bei den Bergbauern um schwerfällige Leute handle. "Ambühl war ein linkischer und unbeholfener Mensch, ein Bergler eben, dem das Reden Mühe macht", heisst es in einer schweizerischen Erzählung. Diese Klischeevorstellung hat man vom Ausland übernommen. Sie ist sozusagen von draussen als Ausdruck der geistigen Überfremdung hereingerutscht und macht in voreingenommenen schweizerischen Köpfen die Runde. Dabei ist festzuhalten, dass in den uns umgebenden Ländern, namentlich aber in Deutschland und Frankreich, die Bauern sozial missachtet waren. Höfische und bürgerliche Kreise im Ausland sahen mit Verachtung auf die Bauernsame ihres Landes herab; der Bauer galt als Tölpel und wurde in Liedern, Fasnachtspielen und Witzblättern zu einer dummschlauen Figur gestempelt. Diese Geringschätzung der Volkskultur und des Bauerntums, der eine überspitzte aristokratische Ausprägung des Bildungs-, des Kultur- und Elitebegriffs parallel ging, wurde dann auch bei uns von zahlreichen städtischen und intellektuellen Kreisen übernommen.

Redegewandt und beweglich

Die Klischeevorstellung vom schwerfälligen, unbeholfenen, linkischen und wortkargen Bergler ist jedoch grundfalsch. Wie ADOLF GUGGENBÜHL mit Recht in seinem wertvollen Buch "KEIN EINFACH VOLK DER HIRTEN" betont, sind die Vertreter der Hirtenkultur sehr redegewandt, phantasievoll und alles andere als bedächtig. In den Tälern des Berner Oberlandes, des Oberwallis, in Bünden, in der Urschweiz und im Appenzellerland findet man einen äusserst aufgeweckten und schlagfertigen Menschentyp, der das importierte "Klischee" vom schwerfälligen Bergbauern Lügen straft. Auch gewandte politische Debatter aus der Stadt könnten an einer Versammlung der Bäuerten und der politischen Gemeinden im Alpengebiet ihre blauen Wunder erleben, und mancher Referent hat dies schon an kontradiktorischen Veranstaltungen erfahren müssen. Die ausserordentliche geistige Beweglichkeit, die Sicherheit im Auftreten und da und dort sogar spekulative Elemente im Volkscharakter zeigen sich nicht nur in der Viehzucht und auf den Viehmärkten, sie wirken sich auch in der Hotellerie und im Fremdenverkehr aus. Söhne und Töchter von Bergbauern sind Hotelbesitzer oder leitende Angestellte in Handel und Verkehr geworden. Wenn man sich überlegt, wie sich die Engadiner, die Walser aus Graubünden und Bosco-Gurin und die Saaner, die Glarner und Appenzeller in vielen Berufen im Flachland durchgesetzt haben, wie viele Safier hervorragende Posten bekleiden, wie mancher heruntergestiegene "Oberländer" im wirtschaftlichen und politischen Leben des "Unterlandes" eine Rolle spielt, wer sich zudem des Umstandes bewusst ist, dass manche unserer gewandten Wirtschafts- und Handelspolitiker einen Namen tragen, der im Alpengebiet, im Zürcher Oberland oder in den Bergen des Emmentals und des Oberaargaus entstanden ist, deren direkte Vorfahren also entweder Hirten oder Hügellandbauern gewesen sind, der staunt nur über die Unkenntnis gewisser städtischer Kreise, die den erwähnten Klischeevorstellungen zum Opfer gefallen sind. Es besteht ein deutlicher Gegensatz zwischen Berg- oder Hirtenbauern und Flachlandbauern. Im Mittelland gibt es tatsächlich Gebiete, wo die Bauern wenig reden und geradezu wortkarg sind. Jahrhundertelang waren die Hirten mancher Alpentäler politisch sehr aktiv, während die meisten Flachlandbauern bis zum Untergang der alten Eidgenossenschaft, ja sogar zum Teil bis zur Gründung des Bundesstaates im Untertanenverhältnis standen. Die politische und soziale Stellung der Bergbauern war demnach bedeutend höher als die jener grossen Teile der schweizerischen Bevölkerung, die im Mittelland und in manchen Alpentälern lange Zeit unter der Herrschaft irgendeines Feudalherren, Klosters oder städtischen Patriziates standen.

Von der Bäuerten zur Politik

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Schweizerische Eidgenossenschaft im Gebiet des alpinen Hirtenbauerntums entstanden ist. Auch im weitern Alpengebiet, in den französischen Alpen und im Tirol, haben sich die Bauern politisch zusammengeschlossen. Im Gegensatz zur urschweizerischen Eidgenossenschaft war diesen Zusammenschlüssen jedoch auf die Dauer kein Erfolg beschieden. Eine "Vorschule des politischen Zusammenschlusses im Kampfe gegen die Feudalgewalten" waren die Bäuerten und Markgenossenschaften. Die Bäuerten, die sich im Haslital und in der Innerschweiz bereits im 11. und 12. Jahrhundert herausgebildet haben, sind Körperschaften, welche sich im Gemeinbesitz von Rechten und Pflichten an Allmenden, Alpen und Waldungen befinden. Die gemeinsame Nutzung der Alpen und Allmenden, die genossenschaftliche Selbstverwaltung förderte und stärkte den politischen und demokratischen Sinn. Die Bäuerten und Markgenossenschaften waren denn auch die Wurzeln politischer Landsgemeinden. Bei den Alpenbewohnern kommen der politische Weitblick und die Beweglichkeit hinzu, die sie als Hüter der Pässe und als Hirten, Säumer und Bauern beim Besuch der Märkte diesseits und jenseits der Alpen erworben haben. "Ihr Blick muss" - wie sich RICHARD WEISS in seinem grundlegenden Werk "VOLKSKUNDE DER SCHWEIZ" zutreffend ausdrückt - "über den eigenen Wirtschaftsraum hinausreichen."

Stolz wie Patrizier - ohne Fürsprecher

Die Bewohner der betreffenden Alpengebiete sind sich der ehemals bevorzugten Stellung ihrer Vorfahren heute noch bewusst. Der Unabhängigkeits- und Eigenwille war und ist in den Bergbauern dieser Talschaften und ihren Nachkommen besonders stark entwickelt. Sie sind stolz auf ihre Herkunft; der Bürgerrechts- und Herkunftsstolz der Engadiner, Davoser, Safier, Liviner, Schwyzer, Urner, Gomser, Saaner, Oberhasler, Truber, Appenzeller und Wyniger usw. ist mindestens so ausgeprägt wie derjenige der ältesten stadtbernischen Patrizierfamilien! In manchen von diesen Gebieten ist das0 Selbstbewusstsein so stark, dass bei Streitigkeiten die Bauern ihre Angelegenheiten vor Gericht selbst vertreten und den aus der Stadt stammenden Anwalt der Gegenpartei nicht im geringsten scheuen. Ungezählte bernische Fürsprecher mussten die Rückreise das Aaretal hinunter mit abgesägten Hosen antreten. Dank der historischen und politischen Tradition, den Erfahrungen in den Bäuerten, in den Gemeinden und im Kanton hat sich bei vielen Bergbauern ein Sensorium für politische Fragen, ein ausgeprägter Sinn für das Mass und für Imponderabilien herausgebildet, der das politische Urteil manches Akademikers und Grosskaufmanns bei weitem übertrifft. Die meisten Hirtenbauern sind starke Föderalisten, setzen sich ein für klare, überschaubare Verhältnisse, misstrauen allen Machtzusammenballungen und schauen lieber zu den hohen Bergen auf, die ihre Heimat umranken, als zu grossen mächtigen Menschen.

Einfluss auf die übrige Schweiz

Die Geschichte in der Schweiz ist jahrhundertelang einerseits durch das Zusammenwirken und anderseits durch den Gegensatz zwischen alpiner und städtischer Politik bestimmt worden. Weder die Bergbauerngemeinden allein noch die Städte allein hätten die Eidgenossenschaft durch die Fährnisse der Zeit erhalten können. Nur der bündischen und föderativen Zusammenfassung beider Gruppen ist es zu verdanken, dass die Schweiz Bestand hatte. Der Umstand, dass die Schweiz gebirgig und hügelig ist, hat bewirkt, das die Ordnung des Zusammenlebens sich bei uns im Gegensatz zum Tiefland entwickelt
hat. Die einzelnen Täler und Gemeinden bilden die natürlichen Einheiten, den vom Einzelnen noch klar überschaubaren Raum. Berge und Hügel schliessen die Bewohner nach innen zusammen. Die Kammern der Alpen und die Höhenzüge des Mittellandes mit ihren Mulden, die feste Umgrenzung, die Überblickbarkeit der Verhältnisse ergeben eine enge und dauerhafte Bindung an die Heimat. Auch im schweizerischen Mittelland und in den andern nichtalpinen Gebieten der Schweiz drang im allgemeinen die Lebensauffassung der Alpenbewohner gegenüber der Grossraumpolitik des Tieflandes durch. Sehr schön schreibt darüber HERMANN WEILENMANN in seinem Werk "PAX HELVETICA ODER DIE DEMOKRATIE DER KLEINEN GRUPPEN": "Es ist immer das entscheidende Problem der Schweizergeschichte gewesen und ist es noch heute, ob sich die in den Mulden des Mittellandes, des Jura und der Südtäler lebenden Leute für die Herrlichkeit des Grossstaates oder für die Schweiz, das heisst für die Selbständigkeit ihrer kleinen Heimat, entschieden. Stets nahmen sie die ihnen von beiden Seiten gebotenen Gaben entgegen. Aus dem vor ihnen ausgebreiteten Tiefland empfingen sie die grossen0 kulturellen Anregungen, die Rohstoffe für ihre Industrie, die Handelsgüter. Durch ihre Sprache bleibt die deutsche Schweiz mit Deutschland, die französische Schweiz mit Frankreich, die italienische mit Italien verbunden. Aber wenn es um die Erhaltung der Heimat und den Ausbau der eigenen Demokratie geht, finden alle Teilgebiete ihren sichern Rückhalt in der Tradition der Alpentäler."

Gewichtsverschiebung durch die Technik

Auch heute noch ist der Gegensatz zwischen Bergbauern und Mittellandbauern wirksam. Der Ackerbauer ist bodenständig und selbstgenügsam, während die Hirten oft von einer nomadenhaften Unruhe erfasst sind, die sich nicht zuletzt auch in spontanen Kraftäusserungen, in angriffigem Witz und Spott - vor allem Fremden gegenüber - ausdrückt. In der neuern und neuesten Entwicklung der Eidgenossenschaft hat sich die politische Gewichtsverteilung in geradezu tragischer Weise zuungunsten der Bergbevölkerung verschoben. Die starke Bevölkerungsvermehrung im Mittelland, die Industrialisierung haben die Gewichte deutlich zugunsten der Städte und Industriezentren verlagert. Die hochorganisierte Industriegesellschaft, die in soziologischer Hinsicht von Vermassungstendenzen begleitet ist, macht es den Bergbauern und ihren Kindern viel schwerer als früher, sich in geistiger Hinsicht durchzusetzen und ihre Eigenart zu bewahren. Infolge der Anwendungsmöglichkeit der Technik und der neuen landwirtschaftlichen Arbeitsmethoden im Mittelland ist die Anpassung an die moderne technische Welt dem Flachlandbauern leichter gefallen als vielen seiner Standesgenossen im Berggebiet.

(*) Dieser Aufsatz erschien erstmals 1962 unter dem Titel "Sie sind weder schwerfällig noch wortkarg. Vom geistigen Habitus unserer Bergbauern" in dem legendären, von Adolf Guggenbühl herausgegebenen "Schweizer Spiegel" Nr. 11, August 1962 und ist erneut abgedruckt in nachfolgendem Buch: Dr. Gerhard Winterberger: Politik und Wirtschaft. Ausgewählte Reden und Aufsätze, Verlag Stämpfli & Cie AG, Bern 1980, das zahlreiche Beiträge enthält, die auch aus heutiger Sicht aktuell und zukunftsweisend erscheinen. Dr. rer. pol. Gerhard Winterberger (1. Mai 1922 - 17. Oktober 1993) war unter anderem Sekretär, Direktor und zuletzt bis 1987 Geschäftsführendes Präsidialmitglied des Vororts des Schweizerischen Handels- und Industrievereins (heute economiesuisse) und wurde aufgrund seines enormen Einflusses auf die schweizerische Innen-, Wirtschafts- und Aussenwirtschaftspolitik oft auch als "achter Bundesrat" tituliert, was er persönlich stets in Abrede stellte, bescheiden und klug, wie er war. Winterberger war ein überzeugter "klassischer" Neoliberaler in der Tradition von Ordoliberalen wie Walter Eucken und Franz Böhm, von Repräsentanten der Österreichischen Schule der Oekonomie wie Carl Menger, Eugen von Böhm-Bawerk, Ludwig von Mises und Friedrich A. von Hayek und trat wie sein anfänglicher Hauptförderer Wilhelm Röpke entschieden für "Mass und Mitte" (Röpke) in Politik und Wirtschaft sowie für den Ausgleich zwischen Stadt und Land, Politik und Wirtschaft etc. und den verschiedenen sozialen und wirtschaftlichen Gruppen unseres Landes ein. Gerhard Winterberger gehörte jenen wenigen Wissenschaftern und Publizisten an, die unabhängig voneinander die Schweiz als "Willensnation" verstanden und diesen heute geläufigen prägnanten Begriff prägten und bekannt machten. Unter Gerhard Winterbergers Führung trat der Vorort kraftvoll für die Interessen der gesamten schweizerischen Wirtschaft und für gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen ein, die für alle Unternehmen und wirtschaftliche Branchen gleichermassen Geltung haben sollten, und bekämpfte die Durchsetzung - einseitiger - organisierter wirtschaftlicher Partikulärinteressen (Grossbanken, chemische Industrie etc.), die sich nach seinem Rücktritt zeitweise massivst rücksichtslos gegenüber der Realwirtschaft und den vielen KMUs durchsetzten, was zu einer massiven Einflusseinbusse der economiesuisse führte, von der sich diese Spitzenorganisation der schweizerischen Wirtschaft bis heute nicht erholt hat (Anmerkung von Andreas K. Winterberger)

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