Liberale für BDP

Katholizismus und Moderne

KATHOLIZISMUS IN EINER LIBERALEN SCHWEIZ

1989 ERSCHIEN DAS STANDARDWERK "KATHOLIZISMUS UND MODERNE" VON PROFESSOR URS ALTERMATT (FREIBURG I.UE.)

Bereits 1989 veröffentlichte Dr. Urs Altermatt, Professor für Allgemeine und Schweizerische Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue. (Fribourg, Schweiz), das umfangreiche und höchst lesenswerte Werk "Katholizismus und Moderne" (1). Es handelt sich dabei um die erste umfassende Gesamtdarstellung über den Schweizer Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert. Das Buch hat sich seither als unentbehrliches Standardwerk erwiesen und dürfte diese Funktion auch in den nächsten zehn, zwanzig etc. Jahren erfüllen.
REZENSION VON ANDREAS K. WINTERBERGER (2)

Urs Altermatt, einem strukturgeschichtlichen Ansatz im Sinne der multidisziplinär angelegten "Histoire totale" verpflichtet, ist gleichermassen der Sozial-, Mentalitäts- und Kulturgeschichte zugewandt und sucht nach eigenen Worten von der Religionssoziologie, der europäischen Kulturanthropologie, der Pastoraltheologie und der Liturgiewissenschaft zu profitieren. Diese Methode bringt es mit sich, dass der Leser ideengeschichtlich wenig über den liberalen Katholizismus sowie über hochinteressante politische Köpfe der Katholisch-Konservativen wie Philipp Anton von Segesser erfährt; Denker, die gerade auch für Liberale von hohem Interesse sind. Der Interessierte wird auch in Zukunft auf die entsprechenden Werke von Victor Conzemius zurückgreifen.

"National-liberale Befangenheit"?

Altermatt konstatiert, dass in den deutschsprachigen Handbüchern zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zu religiösen Phänomenen oder Kirchenfragen keine grösseren eigenständigen Kapitel vorhanden seien. Anderseits hätten die Kirchenhistoriker oft sozialwissenschaftliche Aspekte ignoriert. Die Historiker hätten bisher hauptsächlich das Verhältnis zwischen Kirche und Staat oder institutionell-organisatorische Aspekte der katholischen Bewegung behandelt. Auch seien religiös-kirchliche Phänomene den "national-liberal orientierten Historikern" weitgehend fremd, häufig sogar minderwertig vorgekommen. Hierzu sind einige Bermerkungen erforderlich: Ohne Zweifel war die Kultur der Schweiz des 19. und frühen 20. Jahrhunderts "protestantisch-liberal dominiert und durch Technik und Industrie bestimmt" (S. 34). Es ist aber unpassend, den liberalen Bundesstaat und dessen freisinnige und liberale Väter sowie die bis gegen Ende der 1960erjahre insbesondere in Bern, Basel und Zürich dominierende liberale Geschichtsschreibung mit dem negativ belasteten Terminus "national-liberal" zu bezeichnen. "National-liberal" waren in Deutschland jene ursprünglich liberal gesinnten Kreise, die in der Ära von Reichskanzler Bismarck den Liberalismus zugunsten der nationalen Einigung aufgaben und fortan einen nationalkonservativen Kurs einschlugen. Ihre liberalen Kontrahenten zur damaligen "Linken" um Eugen Richter nannten sich auch weiterhin "Freisinnige" wie in der Schweiz. Eine eigentliche "national-liberale Tradition" in diesem Sinne kennt unser Land nicht, obwohl die freisinnigen und liberalen Schöpfer des schweizerischen Bundesstaats vaterländisch dachten und sich auch Historiker wie Richard Feller und Hans von Greyerz intensiv mit der Frage der nationalen Identität beschäftigten. Von "Vorurteilen der national-liberalen Historiographie" selbst nach Mitte des 20. Jahrhunderts zu sprechen und dabei als Beispiel die von Richard Feller und Edgar Bonjour herausgegebene hervorragende "Geschichtsschreibung der Schweiz" (3)als exemplarischer Ausdruck hierfür zu erwähnen, ist unzutreffend. Altermatt begründet dies wie folgt: "So räumt die zweite Auflage von 1979 den Historikern der katholisch geprägten Staatsuniversität Freiburg im Vergleich zu den Hochschulen Basel, Zürich und Bern einen vergleichsweise bescheidenen Platz ein. Nur der Schriftsteller und Aussenseiter Gonzague de Reynold erhält eine angemessene Würdigung. Die
Schweizer Historiker Albert Büchi, Oskar Vasella und Gaston Castella werden in relativ geringem Umfang abgehandelt."

"Defensiv-apologetische Atmosphäre"

Vielleicht liegt dies im Umstand begründet, dass die erwähnten katholischen Historiker in Bereichen ausserhalb der eigentlichen Kirchengeschichte im Vergleich zu Grössen der Schweizer Geschichtsschreibung wie Richard Feller, Hans von Greyerz, Werner Kägi, Edgar Bonjour usw. mit Ausnahme des originellen - rechtsautoritaristischen - Denkers Gonzague de Reynold eher von untergeordneter Bedeutung waren? Im übrigen relativiert Urs Altermatt seine Behauptung selber: "Katholische Geschichtsschreibung war eben jahrzehntelang konfessionelle Historiographie, die mit der schweizerischen Nation nur am Rande zu tun hatte" (S. 35). "In einem gewissen Sinne widerspiegeln ihre Studien (gemeint sind jene der katholischen Historiker) die Ghetto-Mentalität der katholischen Subkultur. Noch zu Beginn der sechziger Jahre herrschte an der Universität Freiburg und anderen katholischen Schulen da und dort eine defensiv-apologetische Atmosphäre" (S. 39). Dass in einem derartigen Klima die Geschichtsschreibung nicht zur Blüte kommen konnte, leuchtet ein. Die Wende kam auch hier erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

Zwei Lebenswelten

Nicht erst bürgerlich-liberale Kreise des 19. und des 20. Jahrhunderts betrachteten den Katholizismus als "rückständige Variante des Christentums", sondern auch Protestanten bereits kurz nach der Reformation. "Im späten Jahrhundert gehört es für Aufklärer zum guten Ton, den Katholizismus als vormodernes Relikt zu betrachten. Katholizismus und 'temps perdu' waren für aufgeklärte Geister Synonyme. Nach dem gängigen Bild frönten die Katholiken dem Müssiggang, häuften unproduktive Schätze an, vergeudeten die Zeit mit zahllosen Gottesdiensten, feierten überflüssige Festtage und gingen häufig auf Wallfahrten. Die Katholiken richteten sich nach einer veralteten Ethik aus und besassen Lebensformen, die dem Aufkommen der bürgerlichen und industriellen Gesellschaft hinderlich waren" (S. 53). So standen sich nun zwei Lebenswelten gegenüber: Hier die bürgerlich-industrielle der fortschrittlichen und liberalen Schweiz, dort die bäuerlich-kleinbürgerliche der katholisch-konservativen Stammlande, deren Bewohner in anderen Zeitdimensionen lebten und von einer eigentlichen vormodernen Kultur inspiriert waren. Die katholischen Stammlande waren dörflich oder kleinstädtisch geprägt und dienten - so der Autor - dem reformierten liberalen Stadtbürgertum primär als Reservoir für Dienstboten und Mägde sowie zunehmend für Arbeiter. Die Katholiken suchten ihre eigene Alltagskultur durch die katholische Religiosität zu retten, die ihre Identität wesentlich prägte. Der Föderalismus sollte die Autonomie der einzelnen Kantone gegen zentralistische Tendenzen des Radikalismus (Freisinn) stärken und diente dem Minderheitenschutz. Altermatt betont, dass die katholisch-konservative Bewegung nicht bloss als antimodernistisch interpretiert werden kann: Wiewohl sie sich als "Gegengesellschaft" verstand, trug sie dennoch zur Integration der Katholiken in der Gesellschaft bei.

Katholischer Zentralismus im 19. Jahrhundert

"Katholizismus und Moderne" bietet eine Fülle von faszinierenden Informationen über die Entwicklung des Volkskatholizismus: So anerkannte das katholische bäuerliche Landvolk zwar bis weit ins 19. Jahrhundert die kirchliche Autorität, pflegte aber nach wie vor ein mit naturreligiösen Elementen verbundenes synkretistisches Christentum. Die religiöse Volkskultur war von zahlreichen regionalen Eigenheiten geprägt. Erst nach 1850 gelang Rom eine eigentliche Durchorganisierung des religiösen Lebens, eine Vereinheitlichung des Volkskatholizismus mit Zeitungen, Volksschriften, Vereinen und Wallfahrten im Sinne des ultramontanen Frömmigkeitsideals. Damals entstand das legendäre kathlische Milieu, das fortan das Alltagsleben des Durchschnittskatholiken prägen sollte. "Wie nie zuvor gelang es der Amtskirche, einheitliche Vorstellungen über den guten Katholiken zu propagieren und die Masse der kleinen Leute damit zu disziplinieren" (S. 66). Nach Altermatt ist die Zeitspanne von 1850 bis 1950 eine Ausnahmeperiode in der Kirchengeschichte, indem sie durch eine ausserordentliche Homogenität der katholischen Frömmigkeit geprägt ist.

Sondergesellschaft

Für den Autor sind Sozialdemokratie, Freisinn und politischer Katholizismus "die drei grossen politischen Subkulturen der Schweiz"; sie sind "Produkte weltanschaulich-ideologisch aufgeladener Interessenkonflikte". Am stärksten habe der politische Katholizismus das Gepräge einer eigentlichen Sondergesellschaft erhalten. "Die kulturelle Identität der katholischen Sondergesellschaft beruhte im wesentlichen darauf, dass der kirchennahe Katholizismus mit Hilfe der Katholischen Kirche ein mehr oder weniger geschlossenes System von Wertevorstellungen herausbildete, das den einzelnen Katholiken nicht nur in seinem privaten Leben, sondern auch in seinen gesellschaftlichen und politischen Tätigkeiten Orientierungshilfen und Handlungsmaximen bereitstellte. Auf diese Weise etablierte sich der Katholizismus als politische Subkultur von Werten und Normen im eigentlichen Wortsinn" (S. 109).
Der Katholizismus ultramontaner Prägung trennte die Bereiche Politik und Religion nicht und suchte im Gegenteil den christlichen (Stände-)Staat zu verwirklichen. Ein typisches Merkmal des politischen Katholizismus war es, dass er absolute Gültigkeit beanspruchte.

Rückzug ins katholische Réduit

Insbesondere nach 1848 zog sich der Katholizismus in das Réduit der Stammlande zurück, wo er seine politischen Intentionen zu verwirklichen suchte. Der Autor legt dar, wie die fortschreitende Zentralisierung, Demokratisierung und Säkularisierung von Staat und Gesellschaft eine Bewahrung der Identität des Katholizismus und ein Vorantreiben der Emanzipation der Katholiken erschwerten, so dass an die Stelle der territorialen Abkapselung durch die einzelnen katholischen Kantone zunehmend die Abgrenzung durch die neu gegründeten Vereine und Parteien trat. Dabei blühte das katholische Vereinswesen anfänglich besonders in der Diaspora, wo die politischen und kirchlichen Obrigkeiten die Leitvorstellungen bestimmten.
"Nach aussen präsentierte sich die privatrechtlich organisierte Sondergesellschaft der Vereine und Parteien als vielfältiges Geflecht zahlreicher Institutionen, die dem einzelnen Katholiken buchstäblich von der Wiege bis zur Bahre katholische Dienstleistungen zur Verfügung stellten. Ein zentrales Merkmal dieser sich nach aussen abschirmenden katholischen Subgesellschaft war das, was die Baumeister und Propagandisten des katholischen Sonderweges mit der vielzitierten Formel von der 'Einheit und Geschlossenheit' umschrieben. In organisatorischer Hinsicht war damit grösstmögliche interne Integration in Verbindung mit grösstmöglicher externer Isolation gemeint" (S. 113). Der Verfasser berichtet ausführlich über diese Entwicklung des katholischen Vereinslebens sowie über den katholischen Alltag.

"Unterprivilegierung der Katholiken"?

Urs Altermatt meint, dass die katholische Sondergesellschaft "zu einem guten Teil auf die Unterprivilegierung der katholischen Minderheit durch das herrschende politische System des Freisinns zurückzuführen" sei. "Sie widerspiegelte organisatorisch das Bestreben der diskriminierten Minderheit, diese Benachteiligungen aufzuheben, sich zu emanzipieren und bei der Verteilung der sozialen Güter in gleicher Weise wie die herrschende Mehrheitsgruppe berücksichtigt zu werden" (S. 130). Gegen diese Behauptung können Einwände erhoben werden: So wäre zu fragen, ob sich der Katholizismus nicht durch die Ergebnisse des Ersten Vatikanischen Konzils von 1870/71 (Einführung des päpstlichen Unfehlbarkeitsdogmas; fehlende Bereitschaft, die Autonomie des politischen Bereichs von jenem der Kirche zu akzeptieren usw.) selbst isolierte und damit den Emanzipationsprozess der Katholiken mit einer fundamentalistischen und antimodernistischen Stossrichtung massiv erschwerte. Es ist nicht ohne Reiz, darüber zu spekulieren, ob damals ein Sieg der liberal-katholischen Kräfte um Lord Acton in der Katholischen Kirche nicht den etatistischen Trend der radikalen (freisinnigen) Heisssporne gebremst und den Föderalismus in der Schweiz gestärkt hätte.

Industrialisierung

Der Prozess der Industrialisierung setzte nach und nach auch in den katholischen Kantonen ein und förderte auch hier die konfessionelle Durchmischung, die zusammen mit dem gesellschaftlichen Wandel das katholische Milieu nach und nach auflöste. Zudem trat bereits 1891 mit dem Luzerner Josef Zemp der erste Katholisch-Konservative in die Landesregierung ein, was ein Resultat davon war, dass das Referendum als Waffe wider die freisinnige Landesregierung ergriffen wurde. Die Katholiken in den Stammlanden holten mit zeitlicher Verzögerung erst nach dem Zweiten Weltkrieg ihren ökonomischen Rückstand auf; Altermatt spricht denn auch in diesem Zusammenhang gar von einer "Psychose des Zu-kurz-und-zu-spät-gekommen-Seins". In dem Masse, wie sie sich der bürgerlich-liberalen Schweiz anpassten, gaben die Katholiken grundlegende Werte ihrer traditionellen Kultur auf. Das Zweite Vatikanische Konzil erneuerte die weltanschaulichen Grundlagen der Kirche und förderte eine klare Entflechtung von Politik und Kirche auch in der Innerschweiz, Ziele, für die die liberalen Katholiken bereits beim Ersten Vatikanischen Konzil eingetreten waren.

Auflösungsprozess

Altermatt diagnostiziert einen raschen Auflösungsprozess des katholischen Milieus, der selbst auf die Katholische Kirche übergegriffen habe: "Neben der Grosskirche entstehen links und rechts zahlreiche Gemeinschaften und Bewegungen, die für bestimmte soziale Segmente und Sektoren der Gesellschaft
religiöse Sinninhalte bereithalten. In einem gewissen Sinne wandelt sich der Milieukatholizismus in eine Sektorenkirche um. Dabei besteht zwischen den einzelnen Sektoren und der offiziellen Kirche durchaus ein unterschiedliches Verhältnis" (S. 389). Wenn sich die Katholische Kirche nicht in einzelne Sektoren oder gar Sekten auflösen wolle, bleibe ihr nur das "Auswahlchristentum" übrig. Die Kirche brauche eine heterogene Mitgliedschaft, da nur diese eine multidimensionale Präsenz in der Gesellschaft ermögliche. Gefahr sieht der Verfasser auch in der neuerlichen Abwehrhaltung der Katholischen Kirche gegenüber der Moderne: Dies zu einer Zeit, wo sich eine Mehrheit der Katholiken dem Wertewandel gegenüber geöffnet habe.

ANMERKUNGEN:

1)Urs Altermatt: Katholizismus und Moderne. Zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte der Schweizer Katholiken im 19. und 20. Jahrhundert, Benziger-Verlag, Zürich 1989 (469 Seiten).

2)Es handelt sich hier um eine überarbeitete und veränderte Fassung eines Artikels von Andreas K. Winterberger, der zuerst in "Der Freisinn" Nr. 7/8, Juli/August 1990, unter dem Titel "Zum neuen Buch des Freiburger Historikers Urs Altermatt: KATHOLIZISMUS IN EINER LIBERALEN SCHWEIZ" erschien.

3)Richard Feller, Edgar Bonjour: Geschichtsschreibung der Schweiz. Vom Spätmittelalter zur Neuzeit. Band II. Helbling & Lichtenhahn-Verlag, Basel 1979 (2. Auflage).- Erwähnenswert ist, was Richard Fellers Oeuvre anbelangt, dessen bedeutende mehrbändige Geschichte Berns.

Copyright 2014/2010/1990 Andreas K.Winterberger

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