Liberale für BDP

Die Unteilbarkeit der liberalen Idee

DIE UNTEILBARKEIT DER LIBERALEN IDEE

LIBERALISMUS UND WIRTSCHAFTSLIBERALISMUS (WIRTSCHAFTSFREIHEIT) IN DER DEBATTE BENEDETTO CROCE - LUIGI EINAUDI

Es ist dem im Jahre 1991 verstorbenen Grand Old Man des politischen Liberalismus Italiens, GIOVANNI MALAGODI, zu verdanken, dass das 1957 erstmals erschienene Werk "Liberalismo e Liberismo" (1) ("Liberalismus und Wirtschaftsliberalismus") in einer schönen, aber schlichten Neuauflage, die 1988 erschien, wieder greifbar ist. Dabei handelt es sich um den Dialog zwischen BENEDETTO CROCE und LUIGI EINAUDI, der von 1927 bis 1949 in Fachzeitschriften ausgetragen worden war. Die Publikation fand bisher kaum jene Beachtung, die für das Verständnis der Oeuvres der beiden bedeutenden Repräsentanten des europäischen Liberalismus zukommt. Dies dürfte sich aber allmählich ändern, zumal eine Revision der Bewertung der beiden Denker im Gang ist.
VON ANDREAS K. WINTERBERGER (2)

Benedetto Croce, der Philosoph, Historiker, Kultur- und Literaturkritiker, erhebt für seine liberale Konzeption einen METAPOLITISCHEN Anspruch: Sie falle mit einer UMFASSENDEN KONZEPTION DER WELT UND DER REALITÄT zusammen, in ihr spiegle sich die ganze Philosophie und Religion des modernen
Zeitalters, "zentriert in der dialektischen oder auch der Entwicklungsidee". Ihr stellt er die AUTORITÄRE KONZEPTION gegenüber, die den SPONTANEN KRÄFTEN MISSTRAUE und sie anzupassen versuche. So liege den SOZIALISTISCHEN HEILSLEHREN diverser Provenienz die Idee der GLEICHHEIT zugrunde, verstanden nicht etwa ausschliesslich als Bewusstsein der allen Menschen gemeinsamen HUMANITÄT wie beim Liberalismus, sondern als mathematische und mechanische KONSTRUKTION, hinter der sich die Idee einer PERFEKTEN HERRSCHAFT OHNE KONTRASTE verberge. Daran entzünde sich der Konflikt zwischen Sozialismus und Liberalismus, der religiösen Charakter annehme.

Unterordnung des "Liberismus"

Croce stellt nun die These auf: "Der Liberalismus hat weder Bande enger Solidarität mit dem Kapitalismus noch mit dem Wirtschaftsliberalismus (...) und kann sehr wohl verschiedenartige Eigentums- und Produktionsordnungen gelten lassen, unter der einzigen Bedingung, den unaufhörlichen Fortschritt des menschlichen Geistes zu ermöglichen, so dass keinesfalls die Kritik des Existierenden und die Suche und Erfindung des Besseren, die Verwirklichung dieses Besseren verunmöglicht werden." Croce muss aber eingestehen, dass der "LIBERISMUS" (Wirtschaftsliberalismus) denselben Charakter und Ursprung wie der politische Liberalismus hat. Ein Konflikt entstehe aber, wenn der Liberismus sich selber das übergeordnete Gesetz des gesellschaftlichen Lebens zueigne, womit er sich gleichrangig neben den ETHISCHEN UND POLITISCHEN LIBERALISMUS setze, der dies ebenfalls für sich beanspruche. Die FREIHEIT habe das geistige Leben in seiner Gesamtheit zu fördern und damit das moralische Leben. So wird die Wirtschaftsfreiheit gar mit moralischem Nihilismus gleichgesetzt.

Notwendige Freiheit im Handeln

Luigi Einaudi, neoliberaler Professor für Ökonomie, Wirtschaftsjournalist, VATER DES ITALIENISCHEN "WIRTSCHAFTSWUNDERS" und ab 1948 STAATSPRÄSIDENT ITALIENS, geht mit dem in NEAPEL lehrenden PHILOSOPHIEPROFESSOR einig, dass DER LIBERISMUS DEM BREITEREN KONZEPT DES LIBERALISMUS "UNTERGEORDNET" sei. Er erinnert daran, dass der Liberismus aus der EMPIRISCHEN TRADITION erwuchs. Die Befürworter des LAISSEZ-FAIRE hätten diese Regel, die in der Tat die Prosperität der modernen Nationen ermöglicht habe, den Wert einer übergeordneten Norm gegeben. Aufgabe des Ökonomen sei es, zu evaluieren, welche Methoden zur Erreichung gewisser Ziele am besten geeignet seien - diese Lösungswege könnten durchaus liberistisch oder aber "autoritär", d.h. staatsdirigistisch, sein. Später schränkt er dieses Plädoyer für Ad-hoc-Interventionen am Beispiel protektionistischer Massnahmen zugunsten neuer Industrien wieder ein, da die Nebenwirkungen schwer zu kalkulieren seien und die Nachteile überwögen. LETZLICH BEFÜRWORTET EINAUDI NUR STAATSEINGRIFFE IM SOZIALEN BEREICH (FRAUEN- UND KINDERARBEIT, RENTEN) sowie GEGEN PRIVATE MONOPOLE.IM REAL EXISTIERENDEN SOZIALISMUS dürften, so schreibt er, nur ein alleiniger Wille, ein einziges Credo, eine einzige Ideologie herrschen, jene des Staates und der politischen Gruppe, in der sich der Staat personalisiere. Erlaubt sei bloss die technische Kritik, die von den Prämissen der herrschenden Ideologie ausgehe, NICHT aber die GEDANKENFREIHEIT, da sonst das Individuum sein Leben erneut nach seinem eigenen Willen, anders als nach dem zentralen Plan gestalten möchte. Schon 1931 zieht Einaudi daher das Fazit: "DIE FREIHEIT DES DENKENS IST NOTWENDIGERWEISE MIT EINER GEWISSEN DOSIS VON WIRTSCHAFTLICHEM LIBERALISMUS VERBUNDEN." Wenn CROCE sage, die MORALISCHE FREIHEIT sei MIT JEDEM WIRTSCHAFTLICHEN ORDNUNGSSYSTEM KOMPATIBEL, so treffe dies auf die HELDEN und die "WIRTSCHAFTLICHEN EINSIEDLER", d.h. die SCHWARZARBEITER, zu. Für einen Grossteil der Menschen sei aber darüber hinaus die "PRAKTISCHE FREIHEIT" VON BEDEUTUNG, zu der Einaudi DIE FREIE BERUFS- UND ARBEITSWAHL, DIE EIGENTUMS- UND VERTRAGSFREIHEIT SOWIE DEN KATALOG DER INDIVIDUELLEN FREIHEITSRECHTE zählt.

Konzessionen von Croce

Croce muss seine Positionen SCHRITTWEISE REVIDIEREN und sie jenen des Piemontesen annähern. So akzeptiert der Neo-Hegelianer schliesslich, dass EINE MARKTWIRTSCHAFT AUF ETHISCHEN REGELN BASIERT. Er zieht sich zwar dialektisch geschickt, aber waghalsig aus der Affäre, wenn er beispielsweise meint, man werde gewiss finden, dass die WOHLTATEN, "die auf die INSTITUTIONEN DER LIBERISTISCHEN WIRTSCHAFT zurückgeführt werden, in Wirklichkeit MANIFESTATIONEN DER MORALISCHEN FREIHEIT waren, die jene INSTITUTIONEN EINSETZTE, von denen die WIRTSCHAFTSFREIHEIT Gebrauch machte und die daher nicht so sehr Bedingungen als vielmehr KONSEQUENZEN waren". 1947 ist er aber bereit, einzugestehen, wenn eine GESELLSCHAFT INFOLGE EINES ÜBERTRIEBENEN ETATISMUS VOM RUIN BEDROHT sei, werde der LIBERISMUS IN SEINER MODERATEN FORM ZUR WOHLTÄTIGEN KORREKTUR, zum Heilmittel. WILHELM RÖPKES "auf Fakten basierende Argumente über das Scheitern einer Planwirtschaft" leuchten Croce zwar ein, doch solle die Möglichkeit planwirtschaftlicher Experimente angesichts einer gewissen Unvorhersehbarkeit bestehenbleiben.

Croces nicht unproblematische "Religion der Freiheit"

Der "PHILOSOPH DES ABSOLUTEN HISTORISMUS" lässt sich von logischen und ökonomisch-empirischen Argumenten nur beschränkt beeindrucken. Seine aus heutiger Sicht nicht unproblematische "RELIGION DER FREIHEIT" kann EINEM LIBERALISMUS, DER SICH JURISTISCHE BEGRIFFE ZUNUTZE MACHT, wenig abgewinnen, eine solche Konzeption erscheint ihm allzu ambitionslos, zu NÜCHTERN geraten zu sein. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass sein Oeuvre gegenüber früher, als es in Italien fast allgegenwärtig schien, an Bedeutung verloren hat, zumal es für die politische Analyse und Problemlösung wenig bietet. GIANFRANCO CONTINI (3) spricht nicht von ungefähr vom "POSTCROCEANISMUS". Anders liegt der Fall bei Luigi Einaudi, dessen Werk in Italien seit den 1980erjahren eine positive Neubewertung erfährt. Das theoretische Fundament seines UMFASSENDEN LIBERALISMUSVERSTÄNDNISSES erweist sich nicht bloss als REALISTISCHER, sondern zugleich als ZUKUNFTSTRÄCHTIGER, wie schon sein FRÜHWERK, beispielsweise SEIN BEITRAG ZUR SOZIALISTISCHEN KALKULATIONSDEBATTE, beweist.

ANMERKUNGEN:

1)Bendetto Croce, Luigi Einaudi: Liberismo e Liberalismo. Introduzione di Giovanni Malagodi, Seconda Edizione, Riccardo Ricciardi Editore, Milano e Napoli 1988 (1957).

2)Dieser Essay von Andreas K. Winterberger erschien erstmals in der "Neuen Zürcher Zeitung" Nr. 169 vom Donnerstag, 23. Juli 1992 ("Politische Literatur", S. 5) und kann nun im Jahre 2010 in leicht modifizierter bzw. erweiterter Form erstmals online auf www.liberalefuerbdp.ch / www.liberalefürbdp.ch sowie demnächst auch auf der von mir gleichermassen editierten und demnächst aufrufbaren Site www.ordoliberalismus.ch aufgerufen und gelesen bzw. ausgedruckt werden. www.ordoliberalismus.ch ersetzt in kürze die von mir bisher editierte Site www.libertarian.ch und dürfte neben zahlreichen zusätzlichen Texten die meisten der bisher auf www.libertarian.ch aufrufbaren Artikel, die Zitatensammlung etc. enthalten.

3)Gianfranco Contini: La parte die Benedetto Croce nella cultura italiana, Giulio Einaudi editore s.p.a., Torino 1989 (1972). Der bedeutende Verleger Giulio Einaudi ist notabene der Sohn des früheren italienischen Staatspräsidenten Luigi Einaudi, stand aber im Unterschied zu dessen Vater, der dem Partito Liberale Italiano (PLI) angehörte, der politischen Linken nahe und publizierte grundlegende Werke der Weltliteratur, auch solche italienischer Provenienz, erstmals in italienischer Sprache, sowie bedeutsame historische Werke, etwa die mehrbändige Mussolini-Biographie des sich später dem Liberalismus eng verbunden fühlenden jüdischen Historikers Renzo De Felice sowie dessen nach wie vor höchst lesenswertes Werk "Storia degli ebrei italiani sotto il fascismo" ("Geschichte der italienischen Juden unter dem Faschismus"), Einaudi, 4a edizione 1988, (1961).

Copyright 2014/2010/1992 Andreas K.Winterberger

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